"Fehlen wirst Du – mir und der Welt. Denn Deinesgleichen gibt es nicht mehr."
Ach, Václav, jetzt ist vor Dir der letzte aller Vorhänge gefallen, jener aus Eisen, der am Ende einer Vorstellung schon nicht mehr hochgeht, aber die Bravo- und Buhrufe haben erst begonnen und werden nie verstummen, wie dem so ist im Theatrum Mundi, dem Theater der Welt. Das Stück, das Du gerade zu Ende verfasst hast – Dein Leben –, ist wie vom Meister Aristoteles geschrieben.
Die Exposition: ein Kind, das nichts darf. Die Kollision: ein Bursche, der alles will. Die Krise: ein junger Mann, der gehasst wird. Die Kollision: ein reifer Mann, der geliebt, aber trotzdem auch gehasst wird. Und die Katastrophe? Beflissene Theatermenschen wissen, dass die antiken Katastrophen gar nichts mit den normalen Pleiten und Debakeln des täglichen Lebens zu tun haben. Über das Ausmaß und den Wert einer antiken Katastrophe, über die Schuld und Sühne eines jeden Protagonisten entscheidet ausschließlich die Katharsis, das Summa summarum von allem, was er gelebt, gedacht und getan hat, und damit die Erkenntnis der absoluten Wahrheit. Mit diesem Urteil stürzen dann die Götter den Verbrecher in ewige Verderbnis, oder aber sie heben ihn als Helden auf den Olymp empor.
Den normalen Zuschauern ist die Katharsis egal, sie beurteilen die Figuren auf welcher Bühne auch immer spontan und deswegen sehr oft ungerecht. Ein schlauer und eitler Stardarsteller kann aussteigen aus dem Spiel, wenn ihm die Gunst der Handlung den Heiligenschein verleiht. Dann kann er sich ewig feiern lassen. Nach Dir hat der Tod mehrmals die Hand ausgestreckt.
Hättest Du auf seine Warnung gehört und Dich wie der erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomáš Masaryk, ins Private zurückgezogen mit der Botschaft, "Ich werde zuschauen, wie ihr das weiterführt" – Du wärst höchstwahrscheinlich noch am Leben und sicherlich der Liebling all jener geblieben, deren Parole lautet: "Ich sage weder das noch jenes, aber auf meine Meinung kommt es an".
Gleich Cyrano de Bergerac hast Du Dir bis zum letzten Akt mit dem Degen das Recht vorbehalten, bei Abwehrkämpfen auch danebenzustechen. Deswegen hast Du nie aufgehört, ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, und so werden auch Deine unverfälschten Denkmäler daran erkannt, dass ihnen der Menschengeruch nicht wegparfümiert wurde.
Wahre Freunde erkennen echte Helden auch ohne Rüstung, selbst in den Augenblicken ihrer Müdigkeit oder Skepsis, und umso mehr wissen sie sie deswegen zu schätzen. Das galt für unseren treuen Freund und Mitstreiter Jiří Gruša, der uns nur sechs Wochen vor Dir verlassen hat, und das wird auch für Dich gelten. Havel, der Kämpfer, Havel, der Hasardeur, Havel, der Kritiker, Havel, der Ironiker, Havel, der Herzensbrecher, je schüchterner, desto erfolgreicher, Havel, der natürliche Alpha-Platzhirsch in Liebe, Kunst und Politik, dieser Havel, ein geborener Sieger, hatte seinen eigenen Antipoden, der ihn stets begleitete: Das war der unsichere und zerstreute Havel, der traurige Havel, der oft zweifelnde und ratlose Havel, ja, auch der verzweifelte Havel.
Von Gewissensbissen wurde er geplagt nach seiner ärgsten Niederlage, als er sich im Gefängnis von den Staatssicherheitsleuten überzeugen ließ, dass unsere Freiheitsbewegung Charta 77 inzwischen total zerschlagen worden sei, ihr harter Kern kapituliert habe und dass er, falls er nach wie vor ihr erster Sprecher bliebe, alle jene auf dem Gewissen haben würde, die im Glauben an ihn ihren vergeblichen und selbst vernichtenden Kampf fortsetzen würden.
In der ersten Minute nach Deiner Entlassung, als Deine Frau Olga Dich aus dem Knast abholte und darüber informierte, dass trotz wilder Drohungen und Schikanen kein Einziger von den 242 Erstunterzeichnern seine Unterschrift unter die Erklärung der Charta 77 zurückgezogen hatte, ist Deine innere Welt zusammengebrochen, weil Du den Lügnern auf den Leim gegangen warst und die Schlüsselfunktion wirklich niedergelegt hattest.
Jedoch in derselben Nacht, noch in unserem Sommerhaus, wohin Olga Dich chauffierte, hast Du dies entschieden widerrufen und allen in Prag arbeitenden westlichen Korrespondenten persönlich per Telefon mitgeteilt, dass Du das riskante Amt des Charta-77-Sprechers nach wie vor innehättest; dadurch hast Du Dir alle weiteren Jahre in Gefängnissen im Voraus gesichert.
Deinen Freunden prägte sich damals ins Gedächtnis, dass dies der entscheidende Moment war, der aus Dir den definitiven "Einheitshavel" schmiedete, der dann später voll verdient das Recht bekam, das Ehrenamt des ersten Präsidenten der wieder freien Republik anzustreben, weil Dein ehrwürdiger Gegenkandidat, der Reformkommunist Alexander Dubček, als belastet galt.
Zuvor musstest Du jedoch noch zwölf Jahre ausharren, und Deine Art zu kämpfen brachte die Mächtigen zum Verzweifeln. Immer wieder traf jeder neue Ermittler auf einen stillen, korrekten, wohlerzogenen Mann, der wie ein Nüsschen aussah, das zu knacken keine große Mühe kosten würde. Und immer wieder mussten sie alle feststellen, dass seiner inneren Härte kein Nussknacker gewachsen war. Deswegen musstest Du mehr als ein Drittel der verbleibenden Zeit hinter Gittern verbringen, wo Du zum ersten Mal fast gestorben bist. Nur ein heftiger Protest des führenden Trios der Sozialistischen Internationale – Willy Brandt, Bruno Kreisky und Olof Palme – hat erwirkt, dass man Dich entließ in der Hoffnung, Du würdest in einem zivilen Krankenhaus sterben. Du aber solltest dann noch zweimal die Kraft haben, dem sicheren Tode zu entrinnen...
In der Rolle des Staatsoberhauptes hast Du in den folgenden zwölf Jahren wie kein anderer Künstler auf der Welt erfahren, dass nicht nur Kunst und Liebe, sondern auch die Macht, und sei es eine demokratische, eine gefährliche Zauberin ist. Sie verführt einen, kennt dann aber kein Erbarmen. Die Herrscher behaupten gern, dass sie sich ihrem schweren Amt opfern, aber es ist meistens nur eine Zwecklüge. Dir habe ich es geglaubt.
Deiner ganzen inneren Veranlagung nach warst Du immer ein Rebell, und jetzt wurdest Du über Nacht zur Obrigkeit. Dissident und Präsident, das lässt sich unmöglich zusammenbringen. Diese zwei antagonistischen Denk- und Vorgangsweisen mussten Dich tagtäglich quälen, zwei riesigen Erdplatten ähnlich, die aufeinanderdrücken, bis ein Tsunami entsteht. Du wurdest von Bodyguards abgeschirmt, wie in Flohschwärmen sprangen Dich die Arschkriecher an. Deine alten Freunde nahmen es zur Kenntnis und haben Dich weiterhin als Präsidenten und als Menschen gern gehabt, während Feinde Deine Lebensparole – "Wahrheit und Liebe werden Hass und Lüge besiegen!" – in den Dreck zogen, Dich abschätzig einen Wahrliebhaber (pravdoláskař) nannten und sich so als Hasslügner geoutet haben.
Jetzt werden sie Dir sicher auf den letzten Weg als Václav dem Ersten heuchlerische Wörter wie Rosenblätter streuen. Aber den Krieg mit Dir haben sie bereits verloren. Dein Nachfolger auf der Prager Burg, Václav der Schwierige, konnte sich zwar als der interimistische Hausherr hochmütig erlauben, die Flagge der Europäischen Union demonstrativ nicht zu hissen, aber er schaffte es nicht, aus der alten tschechischen Präsidentenflagge die Worte Pravda vítězí! ("Wahrheit siegt"), ausschneiden zu lassen.
Ach, Václav, wenn ich die zehn Personen betrachte, die bis jetzt für die Rolle des Staatspräsidenten des modernen tschechoslowakischen und des tschechischen Staates vom Regisseur Schicksal besetzt wurden, sehe ich keinen, der Dir ein gleichwertiger Dialogpartner wäre, als den bereits genannten Tomáš Garrigue Masaryk – in seiner Zeit genau wie Du bekämpft, um nach dem Tode langsam, aber sicher zur Legende zu avancieren. Er brachte die verschwundenen "Länder der tschechischen Krone" wieder auf die Karte Europas. Nach ihrem neuen Fall ins Nichtsein hast Du sie sogar wieder auf die Weltkarte gebracht.
Eine tolle Leistung, verehrter Maestro, ganz des berühmten Lobes würdig, das in Shakespeares Sommernachtstraum erklingt: "Gut gebrüllt, Löwe!" Buhrufe ertrinken in Bravorufen, es werden ständige Standing Ovations folgen, liebster Konkurrent und Freund! Es war mir eine Freude, mit Dir unser bestes Kollektivwerk zu verfassen – die Charta 77.
Der Schriftsteller und Dramaturg Pavel Kohout, geboren 1928 in Prag, war Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der er 1969 wegen seiner Unterstützung für den Prager Frühling ausgeschlossen wurde. Durch sein Engagement für die Charta 77 wurde er zum Wegbegleiter Havels.
Quelle: Nachruf von Pavel Kohout auf Václav Havel, erschienen auf ZEIT-Online

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