Dienstag Berlin, Freitag Leipzig
Zwei Reden hat Peer Steinbrück in dieser Woche gehalten. Eine am Dienstag, die andere am Freitag. Die Eine kostet ihm, schenkt man der schreibenden Zunft Glauben, den Nimbus des SPD-Kanzlerkandidaten, die Andere macht ihm zum Professor. Dabei sind sich beide Reden ähnlich und entsprechen dem hanseatischen Naturell Steinbrücks. Beide Reden sind "Kopfreden".
Der Bundesparteitag der SPD am Berliner Gleisdreieck wurde von den Medien zum Schaulaufen der drei potenziellen Kanzlerkandidaten hochstilisiert. Steinmeier, Gabriel, Steinbrück. Gabriel hatte es dabei am leichtesten, sprach nicht unmittelbar nach Helmut Schmidt (wie Frank-Walter Steinmeier) und gehört im Vergleich zu den "Stones" eher zu den Rhetorikern, die "Bauchreden" halten. Er, Gabriel, hat damit die Seele der Partei gestreichelt - als Parteivorsitzender seine erste Aufgabe. Mit über 91 Prozent ist er als SPD-Chef im Amt bestätigt worden. Steinbrück hätte, so die Medien, auch eine Rede an die Seele der Partei halten sollen. Ich sehe das mit Nichten so. Eine emotionale Ansprache an das Gefühl der Genossen hätte Peer Steinbrück kein Delegierter abgenommen. Stattdessen hat der studierte Volkswirt das gemacht, was er am besten kann: Analytisch scharf und klar im Sprech die (wirtschaftliche) Lage der Welt geschildert und Handlungsnotwendigen daraus abgeleitet.
Für die Medienlandschaft war klar: Steinbrück hat eingebüßt, sein Toprating auf dem Weg zur nächsten sozialdemokratischen Kanzlerschaft verloren. Steinbrück ist an Ansprüchen gescheitert - allenfalls aber an den Ansprüchen der Medien. Steinbrück hat als Steinbrück gesprochen.
Freitag hat Steinbrück wieder gesprochen: Vor Studenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Mehrere Hunderte sind gekommen, schon eine Stunde vor Beginn der ersten Steinbrück'schen Vorlesung war der Hörsaal am Campus Augustusplatz überfüllt. Mit Wirkung zum 9. Dezember 2011 ist Peer Steinbrück, vormaliger Finanzminister der zweiten Großen Koalition, zum Honorarprofessor für Öffentliche Finanzwirtschaft und Internationale Finanzpolitik ernannt worden. Ab jetzt wird, der Kopfpolitiker häufiger an Leipzigs erster Bildungseinrichtung lehren. Die Honorarprofessur von Prof. Dr. h.c. Peer Steinbrück ist am Institut für Öffentliche Finanzen und Public Management angesiedelt - dort, wo ich im Herbst 2010 mein Studium erfolgreich beendet habe.
Auch hier ist Steinbrück Steinbrück und erklärt "seinen" Zuhörern, darunter auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik, die Welt. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht die "wirtschaftliche und politische Bedeutung der Europäischen Währungsunion". Steinbrücks wissenschaftliche Karriere kommt, aber sie kommt spät. Mittlerweile ist der Bundestagsabgeordnete 62, hätte bereits nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre die Möglichkeit gehabt, eine solche Karriere einzuschlagen. Letztlich ist seine damals begonnene Doktorarbeit zur Infrastrukturplanung bei einem Rheinhochwasser in Bonn/Bad Godesberg "abgesoffen", könne nun also "nicht gescannt und überprüft werden". Den Studenten gefallen solche Anekdoten, auch die, er sei einmal sitzengeblieben.
Seine Antrittsvorlesung spannt einen großen Bogen und macht den hauptsächlich jungen Zuhörern die Bedeutung der Europäischen Integration deutlich. Diese sei "die Antwort auf 1945 und den 300-jährigen Zerfleischungsprozess in Europa". Die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Rendite, die Deutschland daraus erhalte, sei aber keineswegs selbstverständlich. Es ist ein Appell an die Jugend, das Erreichte dauerhaft zu verteidigen. Solche Appelle und ökonomische Gesamtzusammenhänge werden Leipzigs Studenten zukünftig öfter hören. Professor Thomas Lenk, Institutsdirektor, Steinbrück-Kollege und Betreuer meiner Diplomarbeit, begrüßte den neuen Professor mit den Worten "Willkommen im Club".

![[Previous Month]](fileadmin/layout/privat/jens-kabisch/images/jk-button-prev.gif)
![[Next Month]](fileadmin/layout/privat/jens-kabisch/images/jk-button-next.gif)