"Du bist nicht schuld, nicht allein. Wir alle sind es."
44 Jahre ist er Mitglied unserer Partei: Am 1. Januar 1966 tritt Franz Müntefering der SPD bei, 40 Jahre vor mir. Für uns beide keine spontane Entscheidung in der Silvesternacht. Er, Müntefering, ein echter Sozialdemokrat. Nach seinem Abtritt vom Parteivorsitz habe ich ihm einen persönlichen Brief geschrieben.
Lieber Franz,
viele wollen uns, wollen Dir einreden, eine Ära sei am Freitag zu Ende gegangen. Deine Ära, eine sozialdemokratische Ära. Als Parteivorsitzender ja. Als Mensch, als Sozialdemokrat nein. Du bleibst Sozialdemokrat, ein Herausragender, ein Besonderer. 2006, am 1. Januar, bin ich SPD-Mitglied geworden. Keine spontane Entscheidung in der Silvesternacht. Wegen Dir und Gerhard Schröder bin ich dort, wo ich bin. Dafür will und dafür muss ich mich nicht entschuldigen, bei niemandem – nicht innerhalb, nicht außerhalb der SPD.
2009 stand die Sozialdemokratie auf den Beinen: Wahlkampf hoch und runter. In besonderer Weise habe ich eingegriffen, als vormals jüngster SPD-Bundestagskandidat. Chancenlos, wohl auch aufgrund meines Alters. Sachsen hat die gewählt, die immer schon gewählt worden sind und nichts auf die Beine stellen – weder im Land, noch im Bund. Am 27. September lag die SPD am Boden. Ob Minister oder Staatssekretäre, ob verdiente Abgeordnete oder Neulinge, ob linke oder rechte Sozis, ob alte oder junge: Die SPD ist kollektiv abgestraft worden. Das Ergebnis war hart, zu hart. Es war ungerecht, zu ungerecht. Es war aber auch eindeutig und klar. Und darin besteht aus meiner Sicht die Chance: In aller Eindeutigkeit und Klarheit können wir wieder auf die Beine kommen. Die jetzige Regierung zeigt mit Programm und Mannschaft: Es ist vielleicht schneller möglich und nötig als wir alle denken.
Ich will eines sagen, was mir wichtig ist: Du bist nicht schuld, nicht allein. Wir alle sind es. Immer hat sich unsere Partei in ihrer stolzen Geschichte gegen die Oberen aufgelehnt, insbesondere im Nationalsozialismus. Vielen Genossinnen und Genossen haben diesen Mut mit ihrem Leben bezahlt, sind zumindest geknechtet und gefoltert worden. Diese Eigenschaft haben wir so verinnerlicht, dass wir uns gegen die eigene Chefetage auflehnen, allen voran gegen die, die die Regierungsverantwortung zu aller erst tragen. Das haben Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder – allesamt großer Kanzler – zu spüren bekommen. Auch Du und viele weitere mehr wurden nicht verschont. Dadurch haben wir immer die Regierungsfähigkeit verloren. Deshalb sind wir alle schuld.
Zum Schluss ein Wunsch: Bleib dabei, mach es wie Helmut Schmidt, schreib Bücher, misch dich ein. Wir brauchen Genossen wie Dich. Solche, „die wollen, dass es besser wird – im Großen, wie im Kleinen“. Lieber Franz, vor allem persönlich alles erdenklich Gute.
Dein Jens