Neidisch auf Merkel - ein wundersamer Kommentar
Neid ist eigentlich kein Wort, das meinen Mund allzu oft verlässt, weil ich selten neidisch bin. Ich beneide niemanden um ein schönes Auto oder eine schöne Urlaubsreise, niemanden um ein besseres Klausurergebnis, niemanden um einen Wahlsieg, der mir vergönnt blieb. Gemessen an dem, was ich - salopp gesagt - von "unserer" Frau Bundeskanzler halte, wird es verwundern, dass ich sage: Ich bin neidisch auf Merkel. Dabei ist nicht der persönliche Neid gemeint, etwa das sie im Kanzleramt logiert und nicht ich, auch nicht der Neid, mit den "Großen" der Welt Politik zu machen. Nein. Neidisch bin ich auf Merkel, weil sie heute vor zehn Jahren zur Parteivorsitzenden einer Partei namens CDU gewählt wurde und sich seither gehalten und durchgesetzt hat. Warum ist das so? Im gleichen Zeitraum von 2000 bis 2010 hatte die SPD sechs gewählte Parteivorsitzende: Schröder (1999-2004), Müntefering (2004-2005), Platzeck (2005-2006), Beck (2006-2008), wieder Müntefering (2008-2009) und schließlich Gabriel (ab 2009). Da darf man neidisch sein. Die Wechsel an der Parteispitze haben "meiner" SPD nicht gut getan. Kontinuität im politischen Programm und innerparteiliche Stabilität - Fehlanzeige! Anders bei dieser CDU - zumindest theoretisch.
Kontinuität im politischen Programm - (auch) hier Fehlanzeige. Vor 2005 auf dem Leipziger Parteitag noch als "marktliberale Mutti" gefeiert, bei der Bundestagswahl 2005 damit leider nur knapp gescheitert, hat sich Kohls Mädchen gewandelt: Von der marktliberalen Hardlinerin zur Laviererin und Zauderin. Merkel wurde - in der Tradition Kohls - zur Aussitzerin. In den ersten vier Jahren ihrer Kanzlerschaft fiel das nicht weiter auf, da "wir" die Arbeit gemacht haben. Merkel steckte sich rote Verdienstnadeln an ihren schwarzen, mit großen Knöpfen versehenen Blazer. Seit 2009 läuft der Hase anders. Es fällt auf, dass Merkel laviert, zaudert, aussitzt, nicht(s) entscheidet, Dinge laufen lässt, überlegt, hadert und eigentlich nie zu einem Ergebnis kommt. Die Frau Bundeskanzler ist lenkbar geworden - "früher" unvorstellbar. In der Männerdomäne "Politik" hat sie sich durchgesetzt, gegen Widerstände angekämpft, Konkurrenten kaltherzig geopfert. Eine übergroße Intelligenz kann man ihr auf dem Weg ins Kanzleramt, der am 10. April 2000 begann, auf keinen Fall absprechen.
Den Neid darauf, dass man auch zehn Jahre Parteichef sein kann muss die SPD als beispielhaft verstehen. Mehr braucht sie sich bei dieser CDU nicht abzugucken. Aber Kontinuität und Stabilität hat die älteste Partei Deutschlands - und das ist unbestritten die Sozialdemokratie - bitter nötig.
