"Wo wäre unsere Gesellschaft ohne derlei Aktivitäten?"
"Was, Du gehst zur Sitzung eines Ortsvereins?" Verwunderung über politisches Engagement schlägt denen, die sich eben politisch engagieren oftmals entgegen. Besonders wenn sich junge Menschen mit Anfang 20 entschließen, dem eigenen politischen Interesse auch eigenes politisches Engagement folgen zu lassen, ist die Verwunderung über das "eigenartige" und heute nunmehr untypische "Hobby" groß. Ich habe das gelegentlich so auffassen müssen, ohne mich dadurch je beeindrucken zu lassen.
Die Bundesrepublik Deutschland hat seit dem 18. März 2012 einen Bundespräsidenten, der im Stande ist, dass eingangs plastisch Geschilderte zu überwinden, einen Bundespräsidenten, der helfen kann, die zweifelsohne bestehende Kluft zwischen Regierten und Regierenden zu überwinden. Joachim Gauck ist am Freitagmorgen bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat im Reichstagsgebäude als elfter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland vereidigt worden. Mit dem Zusatz "So wahr mir Gott helfe" hat er die verfassungsrechtlich festgeschriebene Eidesformel auf das Originalexemplar des Grundgesetzes geschworen und im Anschluss darin die Grundzüge seiner fünfjährigen (!) Amtszeit skizziert.
Ihm mache die Distanz vieler Bürgerinnen und Bürger zu demokratischen Institutionen Angst, "die geringe Wahlbeteiligung, auch die Geringschätzung oder gar Verachtung von politischem Engagement, von Politik und Politikern". Manche fänden es "uncool", so der Bundespräsident, sich politisch zu engagieren. Wo aber, fragt der 72-jährige, "wäre eigentlich unsere Gesellschaft ohne derlei Aktivitäten?" Eine Frage, die ich mir vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen auch gestellt habe. Denn wenn ich eines gelernt habe in nunmehr sieben Jahren politischen Engagements: Es lohnt sich! Diese Einschätzung gilt insbesondere der Kommunalpolitik.
"Wir alle haben nichts von dieser Distanz zwischen Regierenden und Regierten. Meine Bitte an beide, an Regierende wie Regierte, ist: Findet Euch nicht ab mit dieser zunehmenden Distanz", sagte Gauck im Parlamentsgebäude weiter. Die Distanz zu überwinden, geht nur gemeinsam: Die Regierten müssen politisches Interesse wieder entdecken, die Regierenden müssen den Grundstock dafür schaffen: Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Standhaftigkeit und Bodenständigkeit. Der politische Betrieb muss sich entschleunigen, muss transparenter, ja durchsichtiger und durchschaubarer, verständlicher werden. Politik muss verstehbar- und greifbar bleiben. Joachim Gauck ist unabhängig genug, Brücken zu bauen, Distanzen zu überwinden und Gräben zu schließen. Es wird der Demokratie gut tun.
Weiterführende Information:
Antrittsrede von Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck vor Bundestag und Bundesrat in Berlin
